Über Zukünfte wird anders gesprochen, wenn sie plötzlich eine Form bekommen. Wenn sie ein Gewicht haben, eine Oberfläche, die man berühren kann. Ich bin überzeugt: Man denkt anders über Zukünfte, wenn man sie nicht nur bespricht – sondern designt. Genau das passiert beim Speculative Design. Es ist kein Ansatz, der marktfähige Produkte hervorbringt, sondern materialisierte Denkstücke. Keine Methode, die Lösungen verspricht, sondern Fragen stellt. Es macht Zukünfte greifbar, diskutierbar und erfahrbar – durch Artefakte, Prototypen und Geschichten aus möglichen, wünschenswerten oder manchmal auch irritierenden Zukunftsszenarien.


Speculative Design verschiebt den Fokus vom „Wie kann man das umsetzen?“ hin zu „Was wäre, wenn…?“. Es öffnet Möglichkeitsräume jenseits bestehender Logiken – insbesondere jenseits ökonomischer und technologischer Wachstumszwänge. Gerade darin liegt für mich seine Relevanz: Es erlaubt, über Zukünfte nachzudenken, die nicht in den Mustern von Effizienz, Rendite oder Machbarkeit gefangen sind. Und es schafft Gesprächsräume, die in klassischen Bildungs-, Innovations- oder Strategieprozessen oft keinen Platz haben.

Ich verstehe Speculative Design als eine Brücke zwischen Foresight und Gestaltung – als ein Diskurswerkzeug, das Zukunft nicht erklärt, sondern verhandeln lässt. Es geht darum, Gespräche zu ermöglichen, die vorher vielleicht nicht möglich waren: über alternative Gesellschaften, neue Werte und andere Vorstellungen vom Morgen. Dabei halte ich es für zentral, Zukunft nicht nur mit dem Kopf zu denken, sondern auch mit Herz und Hand zu gestalten.

In den letzten Monaten durfte ich diesen Ansatz in unterschiedlichen Kontexten anwenden. Etwa bei den Schulbrücken Europa der Deutschen Nationalstiftung, wo Schüler:innen aus mehreren europäischen Ländern das „Europäische Museum des 21. Jahrhunderts (EMd21J)“ entwarfen – Ausstellungen, die fiktiv im Jahr 2100 eröffnet wurde. Ausgestellt wurden dort unter anderem Post-Drohnen, Teebeutel-lose Teekannen, ein Müll-Zerstörer, ein europäischer Luftreinigungsfilter und sogar eine modernisierte Version des kroatischen Ringreitens Sinjska Alka. Ein weiteres Beispiel war das Spekulations-Labor der Hamburg Open Online University, in dem Teilnehmende Zukunfts-Artefakte rund um Bildung und Lernen entwickelten – von intelligenten Lernräumen bis zu analogen Rückzugsorten, von technologischen Gesichtsmasken bis zu Bildungslollis.

So unterschiedlich diese Szenarien und Objekte auch sind: Sie zeigen, wie Speculative Design dazu beitragen kann, Zukunft nicht nur zu denken, sondern zu begreifen – im doppelten Sinn. Es erzeugt Nähe zu etwas, das sonst abstrakt bleibt. Und es eröffnet neue Gespräche über das, was sein könnte – oder vielleicht besser sein sollte. Ich glaube, dass wir solche Formen der Zukunftsgestaltung dringend brauchen. Denn es braucht andere Zukunftsnarrative als jene, die gegenwärtig dominieren. Narrativen, die nicht nur warnen oder optimieren, sondern zum Weiterdenken einladen.